Meditation
Den Tiger im Kopf zähmen
Meditation ist mehr als nur still sitzen - und sie kann unsere Gesundheit sehr fördern
Meditation als Therapie ist heutzutage noch selten. Erfahrungen aus den USA zeigen, dass die Entspannungstechnik nicht nur hilft, Stress abzubauen, sondern auch bei Schmerzen, Herz- problemen oder Migräne wirkt.
Paola Carega
Nichts ist so schwierig wie nichts tun. Wer schon einmal versucht hat, eine Viertelstunde ruhig dazusitzen und sich auf den Atem zu konzentrieren, weiss um die Anstrengung: Tausend Gedanken scheinen nur auf diesen Moment gewartet zu haben, um wie eine Herde wild gewordener Pferde durch den Kopf zu galoppieren. Hat man seinen Geist endlich für kurze Zeit gezähmt, beginnt die Nase zu jucken oder der Fussknöchel zu schmerzen.
Im Spital eine Seltenheit
In den Kliniken Essen-Mitte lernen Patienten, ihre Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Hochkonzentriert sitzen die Frauen und Männer im Meditationsraum und lauschen ihrem Atem nach: Einatmen, ausatmen und dabei wahrnehmen, was ist, ohne zu bewerten. Meditationstechniken als Therapie und Ergänzung zur Schulmedizin sind im europäischen Spitalalltag heutzutage noch eine Seltenheit. Beim Angebot der Kliniken Essen-Mitte, das seit Juli 1999 existiert und derzeit wissenschaftlich ausgewertet wird, handelt es sich um den deutschlandweit ersten Modellversuch. Ganz anders ist die Situation in den USA. Dort arbeiten bereits mehr als 300 Kliniken mit dem Programm «Mindfulness based Stress Reduction»: Schmerzlinderung, Entspannung und Wohlbefinden durch gezielte Meditation. Die Krankheitsbilder reichen dabei von Magen-Darm-Störungen über Herz-Kreislauf-Probleme bis hin zu chronischem Schmerz und Krebs.
Achtwöchiges Programm
Zugrunde liegen dem Programm uralte buddhistische Meditationsweisen; «kliniktauglich» gemacht hat die Technik der Verhaltensmediziner und Meditationslehrer Jon Kabat-Zinn, an dessen Spital an der Universität Massachusetts sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als 12 000 Menschen behandeln liessen. Kabat-Zinn geht davon aus, dass Denk- und Verhaltensweisen die Gesundheit sowohl positiv wie negativ beeinflussen können. Besonders krank machend seien ein hektischer Lebensstil und das Fehlen von Entspannung und Stille. «Achtsam werden» heisst das Ziel des achtwöchigen Trainingsprogramms von Kabat-Zinn, mit dem auch die Essener Kliniken arbeiten. In Atemübungen sowie Meditation im Sitzen und Gehen lernen die Frauen und Männer, den Moment achtsam und bewusst zu erleben - auch wenn es ein Moment von Schmerz, Angst oder Krankheit ist. Es geht darum, innere Ruhe und Selbstakzeptanz zu üben, ohne sich dabei von den Gedanken beeinflussen und davontragen zu lassen, und ohne sie festzuhalten.
Die Krankheit annehmen
Im Mittelpunkt stehen Konzentration und Aufmerksamkeit. Für viele Patienten ist die intensive Beschäftigung mit der eigenen Person eine neue Erfahrung. «Sie spüren, dass sie sich nicht passiv irgendeiner therapeutischen Behandlung unterziehen, sondern dass sie gefordert sind, ihre innersten Ressourcen zu aktivieren», sagt der Verhaltensmediziner. Auf diese Weise entwickelten kranke Menschen Vertrauen in die eigene Kraft - eine Voraussetzung, um einen konstruktiven Umgang mit der Erkrankung zu finden. Meditationsexperten betonen, dass das primäre Therapieziel nicht sei, die Krankheit loszuwerden. Im Gegenteil: Die Annahme der Krankheit sei eine wichtige Voraussetzung, um Heilung möglich zu machen. Patientinnen und Patienten werden aufgefordert, keinerlei Anstrengungen zu unternehmen, schmerzfrei zu werden, ihre Angst zu überwinden oder den Blutdruck zu normalisieren. Stattdessen sollen sie sich ausschliesslich auf die Gegenwart konzentrieren und den Meditationsanweisungen folgen. «Der beste Weg, um in der Meditation Ziele zu erreichen, ist loszulassen», sagt Kabat-Zinn.
Weg von der Hilflosigkeit
Von einem regelrechten Aha-Erlebnis spricht Anna Paul, Gesundheitstherapeutin und Leiterin Ordnungstherapie an den Kliniken Essen-Mitte: «Wenn die Patienten merken, dass sie selber etwas tun können gegen ihre Beschwerden, ist das für viele ein Umkehrpunkt weg von der erlernten Hilflosigkeit.» Studien der letzten fünfzehn Jahre zeigen die Effizienz dieser Methode: Meditation wirkt gut bei Angstzuständen und Depressionen, sie hilft bei Hautkrankheiten wie Schuppenflechte, bei Bluthochdruck, Rückenschmerzen und Herzproblemen. Gute Erfolge seien auch bei Migräne und Fibromyalgie, einer Form von Weichteilrheuma, feststellbar, sagt die Essener Therapeutin Paul. «Die meisten Patienten verlassen die Klinik mit wesentlich gebesserten Symptomen.» Zwar fehlen gesicherte Daten über die Wirksamkeit von Meditation bis heute weitgehend - die meisten Resultate beruhen auf jahrelangem Erfahrungswissen. Einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden spricht ihr jedoch niemand ab. «Meditation kann für manche Menschen ein guter Weg sein, besser mit Stresszuständen oder chronischen Krankheiten umzugehen», sagt Jürgen Margraf, Professor für klinische Psychologie an der Universität Basel. Insbesondere von chronischen Schmerzzuständen wisse man heute, dass die Einstellung des Patienten eine wesentliche Rolle spiele, wie er die Krankheit bewältige. Wer zum Beispiel ständig die Schmerzfreiheit als einziges Ziel sehe, dessen ganzes Denken und Tun drehe sich um die Beschwerden. Auch Unternehmen haben die stressabbauende Wirkung des Stillsitzens entdeckt. So empfiehlt die japanische Elektronikfirma Sony in einer Broschüre allen Mitarbeitern die Meditation zur Förderung der Gesundheit und Kreativität. Sumitomo Industries, ein mächtiges japanisches Schwermetallunternehmen, finanzierte mehr als 8000 Angestellten eine Ausbildung in Meditation.
Kollabierendes Immunsystem
Die Gesundheitstherapeutin Anna Paul nennt die Fähigkeit, das Wohlbefinden bis zu einem gewissen Grad zu steuern, «den Tiger im Kopf zähmen»: Viele Menschen hätten so etwas wie Sorgensucht. Weil sich ihre Gedanken nur um ihre Krankheit drehten, sei der Körper ständig auf Flucht und Kampfreflexe programmiert, bis das Immunsystem zusammenbreche. «Die Patienten verhalten sich, als ob sie vor einem Tiger davonlaufen würden. Den Tiger haben sie aber leider im Kopf.» In Essen sind die Meditationsübungen eingebettet in naturheilkundliche Verfahren und Yogaübungen.
Mehr Information: Center for Mindfulness, Massachusetts: www.Umassmed.edu/cfm. Jon Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation, O. W. Barth Verlag 2003
Stichwort
Wie Meditation funktioniert
Meditation bedeutet «religiöse Versenkung» und ist in Hinduismus und Buddhismus die gängigste religiöse Übung. Meditation gilt heute als effektive Methode zur Entspannung und Reduzierung von Stress. Ziel der Meditation ist es, den Strom von Gedanken zu unterbrechen. Die klassische Meditationshaltung ist der so genannte Lotussitz mit verschränkten Beinen. Doch Meditation funktioniert auch im Liegen, auf einem Stuhl sitzend oder im Gehen. Zentraler Anker ist der Atem. Es gibt zwei Hauptformen: die offene Form und die gerichtete Form, bei der die Aufmerksamkeit auf ein Wort oder ein Lebensthema gerichtet ist. Viele Meditationsschulen verstehen die uralte fernöstliche Technik als achtsame Lebenshaltung im Alltag. In diesem Sinn ist Meditation auch beim Kochen, Gärtnern oder im Bus möglich. (pac)
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